Wie sieht gute Führung im Schwimm-Hochleistungssport aus? Und was brauchen Athlet:innen von ihren Trainer:innen, damit sie sich langfristig entwickeln können?
Mit diesen Fragen beschäftigen sich meine Podcast-Co-Hostin Ilka Staub und ich in der neuesten Folge unseres Podcasts BigPoolTheory. Grundlage unseres Gesprächs ist eine aktuelle Studie der Loughborough University, in der 15 olympische Schwimmer aus vier europäischen Ländern rund um die Olympischen Spiele in Paris 2024 ausführlich über ihre Erfahrungen mit ihren Trainerinnen und Trainern berichten.
Ein Aspekt, der dabei immer wieder eine Rolle spielt, ist für mich besonders wichtig: Trainer:innen sollten nicht nur Feedback geben – sie sollten sich auch welches einholen.
Feedback von Athlet:innen
Das klingt zunächst selbstverständlich. In der Praxis ist es das aber keineswegs – zumindest nicht in der Form, wie ich Feedback in diesem Beitrag meine. Eine spezifische Form von Rückmeldung aus der Perspektive der Athlet:innen ist inzwischen stärker in den Trainingsprozess integriert: Und zwar im Rahmen der sogenannten Trainingsdatendokumentationen (TDD), wie beispielsweise die IDA des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft. Hier tragen Schwimmer:innen nach jedem Training unter anderem ihr Wohlbefinden und die subjektiv wahrgenommene Belastung (RPE) einer Trainingseinheit ein. Auch daraus erhalten Trainer:innen wertvolle Rückmeldungen darüber, wie ihre Athlet:innen das Training wahrnehmen und verarbeiten. Das ist für die konkrete und individualisiert(er)e Trainingssteuerung im Alltag sicherlich nützlich.
Was ich in diesem Beitrag meine, geht allerdings noch einen Schritt weiter: Es geht um Feedback zur allgemeinen Zusammenarbeit und zur eigenen Arbeit als Trainer. Was hilft meinen Athlet:innen? Was wünschen sie sich? Wo erleben sie Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit? Und was könnte ich als Trainer anders machen? Solches Feedback geschieht vielleicht mal hier und da zwischen Tür und Angel, aber so richtig systematisch habe ich es bei anderen Trainer noch nicht oft gesehen.
Ich möchte diese kurzen Gespräche jedoch nicht schlecht reden, im Gegenteil: Als Trainer im Leistungssport habe auch ich mir die Perspektive meiner Schwimmer:innen zu unserer Zusammenarbeit nicht immer systematisch eingeholt. Das geschah oftmals ganz unkompliziert im Alltag: in kurzen Einzelgesprächen, nach dem Training, während eines Trainingslagers oder wenn sich eine Situation dafür angeboten hat. Das entspricht schon mal einem wichtigen Wunsch von Sportler:innen, den wir auch im Podcast besprechen und der in der Studie als Kollaboration bezeichnet wird: Athlet:innen wollen stärker in den Trainingsprozess einbezogen werden. Sie erleben dadurch Autonomie und Mitbestimmung. Und im Sinne der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan kann die Befriedigung des Autonomiebedürfnisses wiederum die Motivation unterstützen.
Darüber hinaus habe ich aber auch regelmäßig bewusst strukturierte Feedbackmöglichkeiten geschaffen – inbesondere kurz vor Weihnachten und am Ende einer Saison. Zu diesen Zeitpunkten habe ich meinen Athlet:innen Feedbackbögen ausgeteilt, sie gebeten diesen auszufüllen und ihnen freigestellt, ihren Namen anzugeben.
Dabei halte ich es für wichtig, den Athlet:innen zunächst zu erklären, warum man überhaupt nach ihrem Feedback fragt und was anschließend damit passiert. Denn Feedback einzuholen bedeutet auch, sich darauf einzulassen, dass Dinge zur Sprache kommen, die man selbst vielleicht anders wahrnimmt oder die zunächst einmal unangenehm sein können. Gerade beim ersten Mal kann das für Trainer durchaus eine gehörige Portion Mut erfordern und für die Athlet:innen ungewöhnlich wirken.
Wenn ich meine Athlet:innen um ehrliche Rückmeldung bitte, sollte deshalb klar sein, dass auch kritische Rückmeldungen ausdrücklich erwünscht sind und nicht dazu führen, dass jemand negative Konsequenzen befürchten muss. Gleichzeitig sollte transparent sein, wie ich mit dem erhaltenen Feedback umgehen werde – z. B. dass ich mir das Feedback in Ruhe zu Hause durchlese und anschließend überlege, welche Dinge ich aufgreifen kann, welche vielleicht nicht und warum.
Zum Feedbackprozess gehört für mich deshalb auch, den Athlet:innen anschließend eine Rückmeldung zum Feedback selbst zu geben: Was habe ich aus eurem Feedback mitgenommen? Was möchte ich verändern? Und wo sehe ich Gründe, etwas nicht zu verändern? Dieses Ergebnis habe ich beispielsweise zu Beginn der neuen Saison kurz mit der Mannschaft besprochen.
Feedback muss nicht kompliziert sein
Bei den Fragen im Feedbackbogen ging es nicht nur darum zu klären, ob ihnen das Training in der vorigen Saison(-hälfte) gefallen hat. Ich wollte beispielsweise wissen, wie zufrieden sie mit dem Training und ihrer eigenen Entwicklung waren, wie sie meine Arbeit als Trainer wahrnahmen und was ihnen im Training besonders geholfen hatte.
Eine der Fragen lautete:
Was hat dir im Training besonders geholfen?
Gerade diese Frage finde ich rückblickend besonders interessant. Denn als Trainer hat man natürlich Vorstellungen davon, welche Trainingsinhalte, Methoden oder Interventionen besonders wirksam sind. Ob das von den Athlet:innen genauso erlebt wird, ist aber eine andere Frage.
In einem der Bögen habe ich deshalb beispielsweise ganz konkret nach verschiedenen Trainingsformen gefragt – von Technikfeedback und mentalem Training über bestimmte Serien bis hin zur Arbeit an den Delfinkicks.
Ein zweiter Feedbackbogen, den ich zur Weihnachtszeit eingesetzt habe, war dagegen sehr viel einfacher gehalten. Vier offene Fragen standen im Mittelpunkt:
Das fand ich super.
Das fand ich nicht so gut.
Das wünsche ich mir fürs nächste Jahr.
Das nehme ich mir persönlich vor.
Das Interessante daran: Ein solcher Bogen braucht weder eine ausgefeilte Methodik noch besonders viel Zeit. Er schafft schlicht einen Anlass, über die vergangenen Monate nachzudenken – und gibt Trainer:innen Informationen, die im normalen Trainingsalltag leicht verborgen bleiben.
Auch der umfangreichere Saisonbogen enthielt neben einigen Einschätzungen auf einer 1-bis-10-Skala mehrere offene Fragen, etwa dazu, was ich als Trainer besser machen sollte, was besonders gut gefallen hatte und welche Wünsche für die kommende Saison bestanden.
Feedback ist mehr als eine Bewertung
Mir ist dabei ein Gedanke besonders wichtig: Ein Feedbackbogen sollte nicht dazu dienen, die Trainerin oder den Trainer am Ende einer Saison mit einer Zahl zu bewerten. Die Zahl allein sagt letztlich wenig aus.
Viel interessanter sind die Informationen dahinter: Was funktioniert aus Sicht der Athlet:innen? Was hilft ihnen tatsächlich? Wo erleben sie Schwierigkeiten? Was wünschen sie sich? Und gibt es Dinge, die Trainer:innen selbst überhaupt nicht auf dem Schirm haben?
Gerade im Leistungssport verbringen Trainer:innen und Athlet:innen sehr viel Zeit miteinander. Trotzdem bedeutet Nähe nicht automatisch, dass man die Perspektive des Gegenübers kennt. Ein strukturiertes Feedback kann hier eine wichtige Ergänzung sein. Und es kann auch mal unbequem sein. Gerade deshalb ist es für Führung so wertvoll: Es ermöglicht mir, meine eigene Wahrnehmung mit der Wahrnehmung meiner Athlet:innen abzugleichen. Manchmal bestätigt mich das in dem, was ich bereits vermutet habe. Manchmal zeigt es mir aber auch eigene blinde Flecken.
Und Feedback muss dabei auch nicht bedeuten, dass Trainer:innen jeden Wunsch erfüllen oder jede Rückmeldung übernehmen. Die Aufgabe besteht vielmehr darin, die Perspektive der Athlet:innen ernst zu nehmen, sie mit der eigenen Wahrnehmung abzugleichen und daraus gegebenenfalls Konsequenzen für die eigene Arbeit abzuleiten.
Was hat das mit guter Führung zu tun?
Genau hier liegt für mich auch die Verbindung zur aktuellen BigPoolTheory-Folge. Gute Führung im Sport bedeutet nicht nur, Training zu planen, Entscheidungen zu treffen und Athlet:innen Rückmeldung zu geben. Sie bedeutet auch, bereit zu sein, die eigene Führung aus der Perspektive der Athlet:innen zu betrachten. Wer andere entwickeln und führen möchte, sollte deshalb auch bereit sein, die eigene Arbeit immer wieder infrage zu stellen und weiterzuentwickeln.
Das kann im kurzen Einzelgespräch passieren. Es kann eine offene Frage nach dem Training sein. Oder eben ein Fragebogen am Ende einer Saison. Wichtig ist vor allem, dass Athlet:innen erleben, dass ihre Perspektive tatsächlich Raum bekommt.
Und genau deshalb sollte das Einholen von Feedback auch nicht als einmalige „Bewertung“ der Trainerleistung verstanden werden. Es ist vielmehr ein Teil einer längerfristigen Beziehung und Zusammenarbeit: Ich frage nach, höre zu, reflektiere – und mache im besten Fall transparent, was ich aus den Rückmeldungen mitnehme.
In der Podcastfolge sprechen Ilka Staub und ich deshalb unter anderem darüber, welche Bedeutung psychologische Sicherheit, emotionale Intelligenz und ein gemeinsames Verständnis von Zielen und Trainingsinhalten für die Zusammenarbeit im Leistungssport haben.
Denn gerade wenn Training hart ist, hilft es nicht immer, einfach noch härter zu führen. Manchmal hilft es, zunächst eine andere Frage zu stellen:
Was brauchen meine Athlet:innen eigentlich gerade von mir?
Zwei Feedbackbögen aus meiner Trainerzeit
Ich habe die beiden von mir verwendeten Bögen deshalb hier zur Verfügung gestellt – nicht als wissenschaftlich validierte Instrumente, sondern als Praxisbeispiele aus meiner eigenen Trainerzeit.
Der Saisonbogen zeigt, wie ich am Ende einer Trainings- und Wettkampfsaison systematisch Rückmeldungen zu Training, Trainerarbeit, Entwicklung und zukünftigen Wünschen eingeholt habe. Der Weihnachtsbogen ist deutlich kürzer und eignet sich eher als niedrigschwelliger Reflexionsanlass zum Jahresende. Ich stelle sie im Word-Format zur Verfügung, sodass ihr sie euch für eure Zwecke anpassen könnt.
Vielleicht sind die Bögen für die eine oder andere Trainerin oder den einen oder anderen Trainer eine Anregung, die eigene Feedbackkultur auszuprobieren oder weiterzuentwickeln. Denn am Ende gilt für Führung im Sport aus meiner Sicht etwas sehr Einfaches:
Wer andere entwickeln möchte, sollte bereit sein, auch die eigene Arbeit immer wieder weiterzuentwickeln. Und dafür braucht es manchmal vor allem eines: ehrliches Feedback von den Menschen, mit denen man (oftmals) täglich arbeitet.
Zur Podcastfolge
Wie sieht gute Führung im Schwimm-Hochleistungssport aus – und was können wir daraus für die tägliche Trainingspraxis lernen? Darüber sprechen Ilka Staub und ich in dieser Folge von BigPoolTheory:
Die Feedbackbögen
Ein bewusst niedrigschwelliges Format für eine kurze persönliche und gemeinsame Reflexion zum Jahresabschluss.
Ein Praxisbeispiel aus meiner Zeit als Trainer im Nachwuchsleistungssport. Der Bogen wurde zur Reflexion der vergangenen Saison und zur Planung der nächsten Saison eingesetzt. Er ist nicht als standardisiertes oder psychometrisch validiertes Instrument gedacht.
