Ein leider immer wieder auftretendes Thema in der Sportpsychologie sind Essstörungen. Aus der Forschung wissen wir, dass das Thema sehr viele Kinder und Jugendliche betrifft. In einer Umfrage unter Grundschülern glaubten beispielweise rund ein Drittel der Jungen und Mädchen zu dick zu sein und sogar rund 40 Prozent gaben an, schon einmal versucht zu haben, Gewicht zu verlieren. Die Wahrscheinlichkeit, ein klinisch bedeutsames gestörtes Verhältnis zur eigenen Figur und zum Essen zu entwickeln, steigt dann aber besonders in der Pubertät an, in der das eigene Aussehen nochmal mehr in den Fokus rückt, gleichzeitig aber der Körperfettanteil biologisch bedingt ansteigt. Hinzu kommt der Wunsch nach Autonomie, der durch jegliche (gefühlte) Einschränkung der Freiheit (z.B. Kontrolle des Gewichts durch den Trainer oder Druck von Seiten der Eltern, mehr zu essen) gestört werden kann.

Enttabuisieren als erster wichtiger Schritt

Gerade weil das Thema aber häufig unter den Teppich gekehrt und damit unter Sportler:innen, Eltern und Trainer:innen tabuisiert wird, ist es wichtig, die Problematik offen anzusprechen. In der Winterausgabe 2019 des swimsportMagazines habe ich das Thema Ernährung im Sport allgemein und Essstörungen im Speziellen darum aufgegriffen und in der Herbstausgabe 2020 um den speziellen Aspekt des “Bodyshaming” ergänzt. Da “viel Freude beim Lesen” bei diesem Thema nicht wirklich treffend ist, wünsche ich dieses Mal eine interessierte Offenheit für Lesende aus dem Umfeld von Betroffenen und Letzteren selbst ganz viel Mut für die ersten Schritte raus aus der Störung. Alleine das Lesen ist schon der erste Schritt, der nächste könnte ein kostenfreies Erstgespräch im Rahmen meiner sportpsychologischen Beratungsleistungen sein. Je nach Ausprägung der Störung ist zwar eine Psychotherapie angebracht. Ich helfe hierbei aber dann sehr gerne beim Vermitteln eines/einer geeigneten Therapeuten/Therapeutin.

Bodyshaming als besonderes Phänomen

Nach der Veröffentlichung des obigen Artikels kamen immer wieder Eltern, Trainer:innen, aber auch die Sportler:innen selbst mit dieser Thematik auf mich zu. Eine davon, Margarethe Hummel, fasste den Mut und veröffentlichte ihre Leidensgeschichte in der Herbstausgabe 2020 des swimsportMagazines. Mit offenen und deutlichen Worten beschreibt sie darin ein Phänomen, das ich mit dem obigen Artikel noch nicht ins Auge gefasst hatte: das sogenannte Bodyshaming. Damit werden (unbedachte) Äußerungen bezeichnet, die andere aufgrund ihres mit den gängigen Normen nicht übereinstimmenden Aussehens diskriminieren, beleidigen oder gar demütigen, was dann wiederum ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper oder Essen auslösen kann. Da es sich dabei nicht um meinen eigenen Beitrag handelt, werde ich diesen hier nicht veröffentlichen. Ein Auszug daraus findet man jedoch unter diesem Link.

Im Kommentar, den ich damals dazu verfasst habe, ordne ich das Phänomen ein und gebe Trainern, Trainerinnen, betroffenen Sportler:innen wie auch möglichen Täter:innen Tipps an die Hand, damit das (manchmal gar nicht beabsichtigte) Phänomen nicht mehr oder zumindest seltener auftritt:

Das Phänomen des Bodyshaming ist noch wenig erforscht. Jungs und Mädchen scheinen jedoch gleichermaßen betroffen zu sein, wobei Jungen eher aufgrund ihrer mangelnden Muskulatur oder Körpergröße und Mädchen eher aufgrund zu viel Muskulatur oder zu wenig Po/Busen diskriminiert werden. Genau darin liegt jedoch die Crux für männliche und weibliche Schwimmer. Denn während die meisten männlichen Leistungsschwimmer diesem Ideal entsprechen können, gilt das genaue Gegenteil für Frauen. Noch gibt es keine offiziellen Zahlen zu dem Phänomen. Es ist aber ganz stark davon auszugehen, dass die Dunkelziffer insbesondere im Schwimmen extrem hochliegt. Warum? Das offenbart sich – auf den zweiten Blick – zwischen Margarethes Zeilen. Denn im (deutschen) Schwimmsport wirken einige sich selbst verstärkende Mechanismen, die zu diesen negativen Erscheinungen unseres doch eigentlich so geliebten Sports führen können:

Da sind zum einen perfektionistische, zielstrebige Athletinnen und Athleten, die ihrem sportlichen Traum entgegeneifern und bereit sind, vieles dafür zu opfern; die sich aber auch mit gleichaltrigen (Nicht-)Sportlern (z.B. via soziale Netzwerke) vergleichen. Diese Sportler treffen auf Trainer, die ihnen auf ihrem Weg helfen wollen, die aber manchmal durch Bemerkungen oder Aktionen, wie z.B. öffentliches Wiegen, aus Unwissenheit oder Unbedachtheit genau das Gegenteil bewirken. Weiterhin befinden sich Sportler wie Trainer in einem Verband, der den nationalen Vergleich schon in jungen Jahren z.B. durch den Jugendmehrkampf fördert und beispielsweise im Rahmen des Landesvielseitigkeitstests selbst signalisiert, wie wichtig ihm das Gewicht ist. Damit Hand in Hand geht die Sportart Schwimmen selbst, die nicht nur aufgrund des Zusammenhangs zwischen Körpergewicht und Leistung zu den sogenannten Risikosportarten zählt, was die Entwicklung von Essstörungen anbelangt; sondern die auch durch die „leichte“ Bekleidung den Blick auf den Körper und damit den Druck auf das eigene Aussehen um ein Vielfaches erhöht; und schließlich als technikbetonte Individualsportart nichts anderes erzwingt, als dass Sportler früh beginnen (müssen) und sich viel miteinander vergleichen (und – wie wir in Margarethes Text lesen konnten – dabei auch immer wieder gegenseitig abwerten). Und das alles in einer Gesellschaft, die sowieso schon einen extrem starken Fokus auf das (perfekte) Äußere legt und die die Ellbogenhaltung und den Blick auf den Einzelnen durch ihre starke individualistische Prägung – nun sagen wir mal – nicht gerade abschwächt.

Man kann all das stillschweigend hinnehmen und für alternativlos halten – manch einem wird womöglich der Satz in den Sinn gekommen sein: Leistungssport ist nun mal kein Zuckerschlecken. Margarethes Text kann aber auch Anlass geben, diese Phänomene zumindest auf einigen diesen Ebenen zu hinterfragen und – in einem möglichen zweiten Schritt – nach eben solchen Alternativen zu suchen. Hier folgen einige Fragen zum Reflektieren für Trainer:innen und Sportler:innen.

Reflexionsfragen für (womöglich) Betroffene

  • Welches Ideal vom „perfekten“ Körper habe ich eigentlich? (sportunabhängig, jeweils für Frauen und Männer)
  • Wie viel beschäftige ich mich am Tag mit meinem Körper/meinem Gewicht?
  • Kann ich mich wertfrei im Spiegel anschauen?
  • Habe ich das Gefühl, häufiger auf mein Äußeres reduziert zu werden? Beeinflusst das (indirekt) mein Essverhalten?
  • Unterstützen mein Essverhalten und meine Einstellung zu meinem eigenen Körper meine Leistungen oder schmälern sie sie?
  • Habe ich eine Vertrauensperson (Familie, Freunde), mit der ich ganz ungezwungen über das Thema Ernährung sprechen kann?
  • Kenne ich einen Experten (Sportpsychologen, Sportmediziner, Ernährungswissenschaftler), mit dem ich darüber sprechen kann? (Du kannst auch mal auf www.anad.de einen kostenfreien Selbsttest machen. Dort findest du auch mögliche Ansprechpartner)

Reflexionsfragen für (mögliche) “Bodyshamer”

  • Welches Ideal vom „perfekten“ Körper habe ich eigentlich? (sportunabhängig, jeweils für Frauen und Männer)
  • Sage ich oder schreibe ich (via soziale Netzwerke) ab und an Dinge, von denen ich nicht möchte, dass man diese über mich sagen bzw. schreiben würde?
  • Würde ich etwas, was ich im Internet (über soziale Medien, WhatsApp etc.) zu bzw. über jemandem schreibe, diesem auch persönlich ins Gesicht sagen?
  • Wie zufrieden bin ich mit meiner eigenen Figur? Wie sehr vergleiche ich diese mit der von anderen Sportlern, Freunden, Influencern etc.?
  • Wenn mir jemand auffällt, der offensichtlich ein Gewichtsproblem hat (egal ob zu dick oder zu dünn): Habe ich eine gute Strategie, wie ich es ihm/ihr auf eine würdige Art und Weise sagen kann?  

Reflexionsfragen für Trainer:innen

  • Welches Ideal vom „perfekten“ Körper habe ich eigentlich? (sportunabhängig, jeweils für Frauen und Männer)
  • Wie oft fällt mir nach einer längeren Trainingspause (z.B. Sommerferien) auf, dass manche Sportler zu- oder abgenommen haben?
  • Welchen Stellenwert hat das Gewicht in meiner Wahrnehmung für Topleistungen im Schwimmen?
  • In welcher Weise signalisiere ich das (auch womöglich unterbewusst) meinen Sportlern?
  • Gibt es weitere Erfolgsfaktoren, die für mich einen ähnlichen oder gar noch höheren Stellenwert für Topleistungen im Schwimmen haben?
  • Signalisiere ich diese entsprechend ihrer Gewichtung meinen Sportlern?
  • Welchen Stellwert hat der Spaß am Sport für mich als Trainer? Woran im Training/an meiner Art und Weise merken das meine Sportler?
  • Wie schnell ziehe ich in Wettkampfanalysen das Gewicht meiner Sportler in Betracht? Ist mir das Phänomen bewusst, dass auch eine eigenhändig initiierte Kurzdiät vorm Wettkampf leistungsmindernd gewesen sein könnte?
  • Kenne ich professionelle Ansprechpartner (Sportpsychologen, Sportmediziner, Ernährungswissenschaftler), an die ich mich wenden kann, wenn ich bei einem Sportler unsicher bin, wie ich mich verhalten soll? (Informationen liefert auch die Broschüre „Ess-Störungen im Leistungssport“ von Lebenstedt, Bußmann und Platen, zu finden auf der Seite des Bundesinstituts für Sportwissenschaft www.bisp.de)
  • Kennen meine Sportler diese Ansprechpartner?
  • Habe ich bereits eine gute Strategie, wie ich das Thema Ernährung bei meinen Sportlern ansprechen kann?
  • Wie könnte ich Themen, wie Prävention von Essstörungen und Mobbing, mit meiner Trainingsgruppe für alle wertschätzend ansprechen?
  • Inwieweit bin ich selbst Vorbild für meine Sportler, wenn es ums Essverhalten geht?
  • Wie viele meiner ehemaligen Schwimmer konnten (vermutlich) aus demselben Grund wie Margarethe nicht ihr volles Potenzial entfallen?
  • Habe ich einige meiner ehemaligen Sportler mit etwas zeitlichem Abstand mal danach gefragt, warum sie eigentlich aufgehört haben?

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