Zu Beginn eine kleine Anekdote:
Einer der Trainer, bei denen ich in den USA hospitieren durfte, sagte einmal, man könne seiner Meinung nach Trainer in Bezug auf deren Techniktraining grob in folgende fünf Kategorien einteilen:
- Kategorie 1: Bei diesem Trainer findet Techniktraining gar nicht statt. Er lässt seine Sportler einfach nur schwimmen und tippt während des Trainings auf seinem Smartphone herum.
- Kategorie 2: Bei diesem Trainer findet Techniktraining in Form von technischen Übungen (TÜ’s) statt, die jedoch wild kombiniert und nicht weiter beschrieben oder erläutert werden (auf dem Trainingsplan steht „200m TÜ nach Wahl“)
- Kategorie 3: Bei diesem Trainer findet Techniktraining in Form von TÜ’s auf Ansage und nach Beschreibung statt. Der Trainer gibt sporadisch während des Techniktrainings Feedback.
- Kategorie 4: Bei diesem Trainer findet Techniktraining in Form von methodisch sinnvoll aufeinander aufbauenden TÜ’s statt. Der Trainer gibt im weiteren Training regelmäßig Feedback anhand des vorigen Technikschwerpunkts.
- Kategorie 5: Bei diesem Trainer findet Techniktraining in Form von methodisch sinnvoll aufeinander aufbauenden TÜ’s statt. Dabei bleibt es jedoch nicht: Er erklärt in speziellen Theorieeinheiten einzelne Technikelemente und bespricht in Einzelgesprächen mit den Sportlern anhand von Videoanalysen deren Stärken und Schwächen, kennt diese auswendig und hat den Anspruch, jeden einzelnen seiner Sportler in jedem Training technisch weiterzuentwickeln.
Ziel sollte demnach für jeden Trainer und jede Trainerin natürlich Kategorie 5 sein.
Mich treibt diese Einteilung schon eine ganze Weile um und ich denke, dass man die Kategorien durchaus hinterfragen kann. Klar: Kategorie 1 und 2 halte auch ich nicht für super. Aber in meinen Augen ist es auch eine Frage des Saisonzeitpunkts und des Alters der Sportler, welche Kategorie gerade am angebrachtesten sein könnte. Beispielsweise betonte Bob Bowman, der Trainer von Michael Phelps, immer wieder, dass Phelps auch deshalb so stark war, weil er am Ende ein mündiger Sportler war: Er wusste, wann er sehr intensiv trainieren konnte und wann er besser etwas „rausnehmen“ sollte. Er kannte seine Stärken und perfektionierte diese, er kannte aber auch seine Schwächen und arbeitete hart daran. Genau für Letzteres wusste er genau, welche technischen Übungen er immer wieder gezielt in sein Training einbauen musste.
Genau hier setzt mein momentaner Ansatz von Techniktraining an. Die fünf Trainerkategorien und das Ziel des „mündigen Sportlers“ zusammengenommen, ergeben für mich folgende Stufen, wie sich Techniktraining in den langfristigen Leistungsaufbau, aber auch innerhalb einer Saison integrieren lässt:
- Stufe 1 – Standard-TÜ-Reihen auf Ansage: Hier geht es ausnahmweise darum, alle Sportler „über einen Kamm zu scheren“ und diejenige Technikvariante der gesamten Gruppe beizubringen, die alle Sportler einer Gruppe mindestens schwimmen sollten. Dazu nutze ich standardisierte TÜ-Reihen mit ca. 4-8 technischen Übungen pro Schwimmart (je nach Altersgruppe), die ich immer wieder mit allen Sportlern auf Ansage und mit Erklärung durchführe (Kategorie 3). Standardisiert sind diese deshalb, weil sie sich zum einen für mich als sehr gute Übungen herauskristallisiert haben und das Technikminimalziel für die gesamte Gruppe gewährleisten. Zum anderen müssen die Sportler diese für Stufe 2 auswendig kennen. Darum dürfen es gerade bei jungen Sportlern nicht zu viele Übungen sein.
- Stufe 2 – Standard-TÜ-Reihen selbstständig ausgeführt: Auf dieser Stufe sollen die Sportler insbesondere als Vorbereitung auf eine Hauptserie die auf Stufe 1 erlernte Standard-TÜ-Reihe selbstständig ausführen. Wenn also beispielsweise eine Rückenhauptserie auf dem Programm steht, schwimmen die Sportler selbstständig die erarbeiteten 4-8 Rücken-Standard-TÜ’s. Darin sehe ich zwei zentrale Vorteile: Durch die wegfallenden Ansagen geht nicht so viel Zeit verloren wie in Stufe 1 und als Trainer habe ich durch die selbstständige Ausführung die sehr gute Gelegenheit, individuelles Feedback zu geben (Kategorie 4).
- Stufe 3 – Individuelle TÜ’s: Im nächsten Schritt sollte das Techniktraining noch individueller gestaltet werden. Hierzu nutze ich gerne das Ferientraining, um von allen Sportlern in allen 4 Schwimmarten (zeitgleich über- und unterwasser) Videoaufnahmen zu erstellen und bestenfalls auch deren Starts, Wenden und Unterwasserphasen zu filmen. Mithilfe der kostenfreien Videoanalyse-Software kinovea setze ich beide Videos zusammen, schicke diese den Sportlern inklusive kindgerecht formulierter Checklisten für die Selbstanalyse (s.u.). Diese geben die Sportler ausgefüllt bei mir ab, ich helfe ihnen ggf. bei den Fragezeichen. Das Ergebnis sind individuelle Stärken-Schwächen-Listen. Für alle Schwächen gebe ich den Sportlern TÜ’s an die Hand, die sie von nun an im Training ausführen und so gezielt an ihren individuellen Schwächen arbeiten können.
- Stufe 4 – TÜ’s innerhalb der GSA: Auf der letzten Stufe und nach einer etwaigen weiteren Videoanalyse folgt der Schritt der Automatisierung. Hierzu müssen die Sportler viel in der nun technisch verbesserten Gesamtschwimmart schwimmen. Technikfokusse (z.B. „Achte auf das Eintauchverhalten deiner Hand“) oder differenzielle Übungen* (z.B. „Tauche von sehr breit bis sehr eng ein und erspüre dein individuelles Optimum“) schulen auf dieser Stufe das Wassergefühl. Diese sollten jedoch nicht zu weit weg von der individuellen Zieltechnik führen.
Diese vier Stufen lassen sich auf alle Altersgruppen ab dem Grundlagentraining übertragen: Während man dort auf Stufe 1 und 2 verbleibt, kann man im Aufbau- und Anschlusstraining Stufe 1 bis 4 zum Beispiel wie folgt in die Jahresplanung einbauen: Stufe 1 vom Saisonstart bis zu den Herbstferien. In den Herbstferien findet dann die erste kurze Videoanalyse (ohne Selbst-Check, stattdessen mit kurzen Hinweisen des Trainers) statt. Im Anschluss folgt Stufe 2. Nach Weihnachten wird die ausführliche Videoanalyse (inkl. Selbst-Check) durchgeführt und in der Folge die individuellen TÜ’s ausgeführt. Wenn es dann Richtung Hauptwettkämpfe (Norddt./Süddt./NRW Meisterschaften bzw. DJM) geht, folgt schließlich Stufe 4.
In einem oder mehrerer weiterer Posts werde ich beispielhaft einige individuellen TÜ’s vorstellen. Schaut also bald wieder vorbei!
Viele Grüße
Lukas
*Differenzielle Übungen nach Schöllhorn sind eine Sonderform der Gegensatzerfahrungen. Es geht hierbei darum, dass die Schwimmer durch die Erweiterung ihres Bewegungsraums selbst erspüren sollen, wie eine bestimmte Teilbewegung für sie persönlich optimal ist. In der Regel funktioniert dies ohne Feedback durch den Trainer, aber auch nur dann, wenn die Bewegung zunächst in der eine Extreme ausgeführt und danach kleinschrittig ins Optimale und schließlich in die andere Extreme überführt wird.
Hi Lukas,
du sprichst mir aus dem Herzen…
Weiter so!
Gruss aus Stutensee
von Ralf