2017 fragte mich das swimsportMagazine an, ob ich einen Beitrag zur Brusttechnik verfassen könne. Für viele Trainer wie auch für mich selbst gilt Brustschwimmen als die komplexeste Schwimmtechnik (wenngleich Schmetterling durch die Herausforderung, die Körper- und Beinbewegung optimal auf die Armbewegung zu koppeln, auch nicht zu unterschätzen ist – aber das nur nebenbei). Vielleicht gerade deshalb fasziniert mich das Brustschwimmen schon lange.
So kam es dann auch, dass ich seit meinen ersten eigenen „Gehversuchen“ als Übungsleiter damit begann, die Brusttechnik auseinanderzudröseln: Auch wenn es sein mag, dass man im Olympischen Finale acht verschiedene Stilvarianten beobachten kann: Worin unterscheiden sich die Besten der Welt denn ganz genau? Und welche Gemeinsamkeiten haben sie? Das waren die beiden Leitfragen, mit denen ich mich damals beschäftigte und für die ich sämtliche deutsche, später auch englischsprachige mir zur Verfügung stehende Lehrbücher verschlang. Eine Erkenntnis: Gerade in der deutschen Fachliteratur finden sich markante Widersprüche. Doch gerade diese Widersprüche (sowie deren spätere Auflösung) haben mir, so glaube ich jedenfalls heute, dazu verholfen, mich der Brusttechnik nochmal anders zu nähern. Dazu später aber mehr.
Jedenfalls war es im Jahr 2010, als ich das erste Mal im Badischen Schwimm-Verband bei der C-Lizenz referieren durfte: Das Thema damals (wie auch in den darauffolgenden 12 Jahren)? Na klar, Brust! Eine meiner liebsten Aufgaben für die Teilnehmenden damals: Die verschiedenen Lehrbücher danach untersuchen zu lassen, welche Technikvarianten es gibt und wie sie sich (angeblich) unterscheiden. Es dauerte nicht lange, da waren alle ähnlich verwirrt wie ich zu Beginn meiner Reise: Schwimmt man denn die Gleittechnik nun auf den Sprintstrecken oder auf 200m Brust? Findet sich bei der Überlappungstechnik Undulationsbewegungen oder ist diese flache wie die Gleittechnik?
Maglischo, der Autor der „Schwimmbibel“ mit dem Titel „Swimming fastest“ wiederum hatte für mich eine gute Lösung für all diese Widersprüche: Wir teilen die Techniken entlang zweier Dimensionen ein: Der Ausprägung der Undulationsbewegung und der Ausprägung der Überlappung der Arm- und Beinaktion. Damit löste sich für mich ein Knoten. Und deshalb sagte ich 2017 dem swimsportMagazine auch sofort zu, einen Artikel zur Brusttechnik zu verfassen. Darin stellte ich meinen Versuch vor, die vermeintlichen Widersprüche der deutschen Fachliteratur aufzulösen und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Weltspitze übersichtlich in einer Matrix entlang der von Maglischo beschriebenen Dimensionen darzustellen (heute bezeichne ich das als „Brust-Matrix 1.0“). Das Heft ist inzwischen vergriffen, deshalb lade ich euch den Artikel von damals hier hoch:
Damit waren aber meine Überlegungen noch nicht am Ende (und sie sind es vermutlich nie, denn die Technik entwickelt sich ja immer auch weiter). Denn genau in dieser Zeit schwamm sich ein damals Anfang 20jähriger Brite ins Rampenlicht der Brust-Schwimmwelt: Adam Peaty. Er war nicht nur der erste Schwimmer über 100m Brust unter 58 Sekunden (das erste Mal aufgestellt mit einer Zeit von 57,92 im Jahr 2015), sondern mit seinem auch heute noch gültigen Weltrekord von 56,88 Sekunden auch zugleich der erste Schwimmer unter 57 Sekunden. Und das, obwohl selbst die 58 Sekunden-Marke schon als Schallmauer galt. Zum Vergleich: Erst im Jahr 2001 gelang dem Russen Roman Sludnow das erste Mal, die Schallmauer von einer Minute über 100m Brust zu brechen. Diese überwältigende Leistung versetzte die Schwimmwelt in Erstaunen und mich ins Grübeln: Wie macht Peaty das? Und wie passt seine Technik-Variante in meine Matrix?
Nach einigen Videostudien und mithilfe der Analysen von Stefano Nurra (ehem. Diagnostiker des italienischen Schwimmverbandes) entwickelte ich so Schritt für Schritt eine Vorstellung davon, was Peatys Technik so einzigartig macht. Die Details dazu stellte ich 2022 bei der Jahrestagung der Deutschen Schwimmtrainer-Vereinigung in Potsdam vor und verfasste dazu den folgenden Text: Die Matrix 2.0 war geboren.
Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und freue mich wie immer über Rückmeldungen.
Lukas
